Archiv der Kategorie 'Recht'

Meldungen über Filz

Ob Internationales Olympisches Komitee oder Weltfußballverband, Toni Samaranch oder Sepp Blatter – wenn es um Weltsport geht, ist nicht selten von Parallel-Universum die Rede oder Schreibe. Doch es muss gar nicht so weit weg sein, manchmal genügt es einfach, einem Landesrechnungshof in der Mitte Deutschlands bei der Arbeit zuzusehen.

Szenen aus der Sportlandschaft Sachsen-Anhalt. Da sind nicht nur begeisternde Storys über die Goldjäger bei Olympia und Weltmeisterschaften, das sind in jüngster Zeit ( leider ) auch Meldungen, die nur noch ein ungläubiges Kopfschütteln hervorrufen. Meldungen über Filz und ein offenkundig existierendes Parallel-Universum Sport.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Um dem semi-originellen, aber wenigstens halbwegs zweideutigen Blog-Titel auch mal inhaltlich gerecht zu werden, anbei ein Verweis auf tiefergehende Betrachtungen zum Thema Nachspielzeit, eingeleitet von folgendem Bekenntnis:

Ich – das gebe ich an dieser Stelle gerne zu – habe das erste Mal in ein Regebuch geschaut, als meine unterklassige Fußballerlaufbahn schon längst beendet war. Ich wollte kicken, nicht lesen.

„Es herrscht ein Klima der Straffreiheit“


foto_flickr

Wir haben hier sechs Millionen Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen, junge Leute, die ihrer Zukunft beraubt sind. Für die ist ein Beamter in Uniform eine Reizfigur. Außerdem gibt es keine Grenzen mehr zwischen Legalität und Illegalität, es herrscht ein Klima der Straffreiheit. (…) Im Parlament sitzen 24 vorbestrafte Parlamentarier. Und wenn du einen Strafzettel nicht bezahlst, dann beschlaggnahmen sie deine Wohnung. Diese Ungerechtigkeit löst die Gewalt aus: Wenn du nichts mehr zu verlieren hast, wirfst du einen Stein. Bei uns ist nur deshalb nicht noch mehr passiert, weil wir die Straßen asphaltiert haben.

Italiens Starkomiker und -blogger Beppe Grillo in der jüngsten Zeit über die Gewalt italienischer Fußballfans

Affenlaute beim Störungsmelder

Thomas Hitzlsperger setzt – u.a. zusammen mit Markus Kavka und NPD-Blogger Patrick Gensing – den Störungsmelder in Betrieb. Das auf zeit.de laufende Gemeinschaftsblogprojekt von u.a. Zuender, Intro, jetzt.de, 11Freunde, Spiesser hat den Untertitel „Wir müssen reden. Über Nazis.“ und lässt dabei ganz entspannt die Frage offen, warum Fräulein Herman denn nun nicht …

Jedenfalls erzählt der Bayernbezwinger über ein Gastspiel mit Celtic Glasgow bei Sachsen Leipzig und endet wie folgt:

Ich war froh, dass die Zäune zwischen Zuschauerränge und Spielfeld hoch genug waren.

Kein Stadionverbot wegen Beamtenbeleidigung

„Endlich hat ein Fußballfan vor Gericht Recht erhalten“, schreibt der Fanrechtefonds in einer Pressemitteilung, in der folgender Fall ausführlich dargestellt wird: Fan wird zu Unrecht eingekesselt und verwahrsamt, ruft einen Freund an, beschreibt die Situation mit groben Worten, und bekommt daraufhin ein dreieinhalbjähriges Stadionverbot aufgebrummt. Der Fan wehrt sich, das Amtsgericht gibt ihm Recht, und der Fan darf jetzt wieder ins Stadion. Jedoch wird seine Freude vielleicht etwas getrübt, wenn er am Sonnabend seiner Eintracht beim Gastspiel in München zusieht.

Heulsuse der Woche

Ich war geschockt, als er mir das sagte. Ich war von der ganzen Sache so überrascht, dass ich sogar angefangen habe zu weinen.

Tennisspieler Nikolai Dawidenko erklärt der Welt seine Reaktion auf die Ermahnung des Schiedsrichters, er möge sich doch bitte ein wenig mehr anstrengen. Schön auch die Begründung, er habe nur so schlecht gespielt, um herauszufinden, ob er auch wirklich eine Strafe bekommen würde.

Dawidenko steht übrigens im Mittelpunkt der aktuellen Wettbetrugsaffäre im Tennis. Das kann dann schon mal auf die Seele schlagen.

Ey, alles Vollidioten, ey!

Lukas kneift.

Auswirkungen auf die Umwelt sind nicht zu erwarten

Auswirkungen auf die Umwelt, den Verkehr oder Auswirkungen gleichstellungspolitischer Art sind ebenfalls nicht zu erwarten.

Seite 12 des Gesetzesentwurfs der Bundesregierung zur Verbesserung der Bekämpfung des Dopings im Sport (pdf)

Na dann ist ja gut.

Um das neue Anti-Doping-Gesetz beraten sich morgen ein Haufen Ausschüssiger und ein paar Experten ihre dopingfreien Köpfe heiß. Viel Spaß dabei!

Außerdem bei der Lektüre gelernt: Exkulpation ist juristisch und heißt Entlastung. Pönalisierung bezeichnet selbst der Duden als veraltet und soll soviel wie Verstrafrechtlichung bedeuten, soweit ich das richtig interpretiert habe.

Ich jedenfalls starte jetzt die Flanierung zur schleunigen Verproviantung meines Ventriculus mit anschließender vorsätzlicher Inhalation eines Stoffgemischs, das beim Verschwelen von Nicotiana-Pflanzen entsteht und bei mir zur bonfortionösen Digestionsprozessen führt. Zumindest bilde ich mir das ein.

Sawtschenkosolkowy, der Ingo und ein Freundeskreis

Der Fall hätte ein Beispiel werden können, wie souverän sich umgehen lässt mit einer Stasi-Enthüllung 16 Jahre nach der Wende. Stattdessen wurde er zum Beispiel dafür, wie tief zerrissen die Republik noch ist, wie viel Ballast unaufgearbeitet liegengeblieben ist und wie unterschiedlich der Blick auf das ist, was war.

Dieses Fazit beendet einen SZ-Text über den Eiskunstlauf-Trainer Ingo Steuer und dessen Geschichte. Im Moment kämpfen Steuer und seine Schützlinge Aljona Sawtschenko/Robin Szolkowy in Tokio um eine WM-Medaille. Nach dem Kurzprogramm liegen sie – eingekeilt von China – auf Platz zwei. Sollten sie eine Medaille mit nach Chemnitz bringen, geht es wohl wieder von vorne los.

Schon vor/während/nach der EM in Warschau bot das beste deutsche Eiskunstlaufpaar genügend Fläche für jedermanns Projektionen. Mittlerweile dürften die Namen des Greifswalders und der Kiewerin jedem halbwegs Nachrichteninteressierten geläufig sein, jede Tageszeitung dürfte in den vergangenen Monaten mindestens einen großen Text über den Steuer-Fall präsentiert haben. Der Sport Eiskunstlauf bietet dabei nur die Basis, auf der das eigentlich Interessante – die politische Geschichte ihres Trainers – aufsattelt.

Das ist nicht schlimm, entstehen dabei solch differenzierende Berichte wie der sueddeutsche einer ist. Sein Problem ist ein anderes, ein handwerkliches: Am Tag der Veröffentlichung wurde bekannt (natürlich taucht das im SZ-Text noch nicht auf), dass Steuer sein Ticket nach Tokio nicht selbst bezahlt hat. Bis zu 900 Euro bekam er von dem ihm bis dato unbekannten „Freundeskreis der Sport-Senioren“ überwiesen. 150 ostdeutsche Funktionäre und Sportinteressierte kämpfen unter dem Dach des „Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden“ gegen Benachteiligungen, die DDR-Bürgern im Zuge der Wiedervereinigung widerfahren sind.

Steuer findet die Einladung übrigens „eine tolle Sache“. Und mein vorher recht ausgewogenes Sympathiependel schlug plötzlich in eine Richtung aus. Ein Mann, der sich ungerecht behandelt fühlte und stets den eindimensionalen Blick auf seine Person beklagte, lässt sich bewusst von Menschen aushalten, die – meiner schnellen Meinung nach – genau diese politische Sensibilität im Umgang mit der deutschen Vereinigung klar vermissen lassen.

Super, Ingo. Ein gefundenes Fressen ist das. Aber das wird ihm vermutlich egal sein. Und bei einer medaillenbeschmückten Rückkehr wird er für sich alles richtig gemacht haben. Dann wird es nur ein wenig schade sein, dass neben ihm zu wenig Platz für die große Leistung seiner Sportler geblieben ist.

Und was wird jetzt aus Pille?

Goleos Eltern haben Probleme:

Erst machte nur der hosenlose WM-Löwe Goleo eine etwas traurige Figur. Dann gingen seine Hersteller Konkurs. Inzwischen hat sich die Pleite der Stofftierfirma aus dem fränkischen Altenkunstadt zum Wirtschaftskriminalfall ausgewachsen.

Champagner für die DFL

Mehr Rechte für das Pay-TV, weniger Free-TV – für die Deutsche Fußball Liga ist das Konzept aufgegangen.

So das Fazit eines Überblicks der aktuellen Bundesliga-TV-Konstellation im Tagesspiegel. Sollte Ende des nächsten Jahres dann noch das Staatsmonopol für Sportwetten kippen, und sollte bei jedem Bundesliga-getaggten Videoschnipsel im Netz in Zukunft ein großes rotes ACHTUNG RECHTEDIEB! aufploppen – dann wird die DFL vermutlich den Champagner kistenweise ordern.

Mehr Macht war nie.

Aber so weit ist es noch nicht. Und wie immer in solchen Diskussion ist das Spannendste, wie weit es noch gehen wird. Wo ist die Grenze? Für die Ultras, für die Schönwetterfans, für die Event-Fans. Für die kleineren Vereine, für andere Sportarten, für den Fußballblogger, für Journalisten. Wo sind ihre Grenzen, wann wird Kritik zur Revolte?

Was ist mit anderen europäischen Ligen passiert, die der Bundesliga in punkto Kommerz immer schon weit voraus waren? Die Premier League ist eine Spielweise neureicher global player, die Serie A korrupt und mit einem Zuschauerschnitt der 2. Bundesliga. Bliebe die Primera Division, die nach meinem sehr bescheidenen Wissen immer auf unzählige Fußballbekloppte und eine große Tradition bauen kann – egal, was mit der Liga passiert.

Das alles ohne Wertung und die sportliche Bedeutung der Ligen ausklammernd. Aber wenn die Entwicklung in Deutschland sich fortsetzt, und das wird sie wohl erst einmal, wird auch die Sportschau – mag sie nun werben wie der Teufel oder nicht – irgendwann im Spätprogramm versacken. Die Dritten berichten von Ober- und Verbandsliga (juchhuu!), das DSF zehrt von einigen Brotkrumen . Und das aktuelle sportstudio wird in den ZDF-Fernsehgarten integriert.

Aber dorthin hat Steinbrecher-Michel ja schon immer gehört.