Archiv der Kategorie 'Olympia'

Von Rosenheim nach Peking



So ähnlich sah es heute in einigen Teilen Norddeutschlands auch aus: Es hagelte. Und ich musste an die Olympischen Spiele denken.

Die finden im August in Peking statt. Die Regenwolkenwahrscheinlichkeit wird dann bei ungefähr 50 Prozent liegen. Und damit die ganzen Sportlerproteste gegen chinesische Menschenrechtsverletzungen nicht im Regen untergehen, hat sich der chinesische Wetterdienst CMA (nicht mit diesem Milchmarketingdingens zu verwechseln) überlegt, den Regen ganz konservativ zu bekämpfen: Mit Raketen.

Geplant ist der Einsatz von Silberjodid, einem Kristall, das mit Raketen direkt in die Wolken geschossen wird. Das noch gasförmige Wasser kondensiert an dem Kristall, und die Wolken regnen sich ab, ehe sie über dem Olympiastadion Stellung beziehen können.

Ein erster Test mit drei Flugzeugen, 30 Technikern, drei Stunden Flugzeit und knapp drei Tonnen Diatomit (Kieselgur) wurde bereits durchgeführt. Rund um Peking wird das künstliche Regenmachen weiterhin getestet. Ob die Flugzeuge mit den Silberjodidraketen auch schon über Tibet gesichtet wurden, ist bislang nicht bekannt.

Eine chinesische Erfindung ist diese Art des Gottspielens allerdings nicht:

Trotz gegenteiliger Expertenmeinungen wird Silberjodid auch in Deutschland eingesetzt. Die so genannten Rosenheimer Hagelflieger etwa sollen bei Unwettern in Bayern die Gefahr von Verletzungen und Zerstörungen durch große Hagelkörner minimieren.

Bis 1974 wurden in Bayern die Wolken mit Raketen beschossen, heute tuns zwei Flugzeuge, die rund um die Uhr für die Hagelabwehr bereitstehen. 220.000 Euro lassen sich die beteiligten Landkreise diesen Spaß jährlich kosten. Ob das sinnvoll ist, wurde jedoch noch nicht eindeutig bewiesen.

„Aber Regen machen ist eine Sache, Hagelkontrolle eine ganz andere“, sagen Kritiker wie Hartmut Höller, Atmosphärenphysiker am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). „Die meteorologischen Verhältnisse in einer normalen Wolke sind überschaubar. Aber die Prozesse in einer Gewitterfront sind viel zu komplex und zu energiereich, um sie gezielt beeinflussen zu können“, so Höller. Es sei „reiner Zufall, wenn es mal funktioniert“.

Derselben Ansicht ist Jörg Kachelmann offenbar auch schon mal gewesen. Trotzdem gibt es auch eine Hagelabwehr in Österreich sowie für historisch Interessierte ein paar alte Hagelabwehrraketenbilder. Was es hingegen in den nächsten anderthalb Jahren definitiv nicht mehr geben wird, ist Meteorologie beim Nachspiel.


fotos_a.life/herrnegger

Olympia-Boykott: Drei Kommentare und eine etwas andere Sicht

Evi Simeoni, FAZ

Die Sportler leben in einer vermeintlich elitären Traumwelt. Und da wollen sie – und sollen es nach dem Willen der Mächtigen auch – bleiben.

Thomas Hahn, Süddeutsche

Die Boykott-Diskussion dieser Tage wird am Ende das Wertvollste sein, was vom großen Sporttheater Olympia übrigbleibt.

Friedhard Teuffel, Tagesspiegel

Als der Westen 1980 seine Sportler nicht zu den Spielen nach Moskau schickte und der Osten sich vier Jahre später in Los Angeles revanchierte, war der Sport nur noch Werkzeug der Politik. Nie wieder so abhängig zu sein, das erklärte der Sport danach zum Ziel. Jetzt droht er wieder zum Spielball zu werden – weil das IOC nicht unterscheiden kann zwischen unabhängig und unpolitisch.

Harald Neuber, heise.de

Es ist deswegen kein Zufall, dass die Proteste in Tibet ausgerechnet vor den Olympischen Spielen eskalieren, die im Sommer in China stattfinden. Auch wenn der Dalai Lama Peking nun medienwirksam einen „kulturellen Völkermord“ in Tibet unterstellt, ist der Auslöser der aktuellen Eskalation unklar. Während man sich diesem Grund medial bestenfalls annähern kann, scheint die Verurteilung der chinesischen Seite als Aggressor von vornherein festgestanden zu haben. Kaum wahrgenommen werden andere Stimmen.

Olympia boykottieren? – Eine Presseschau


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Dirk, 36, in den Kommentaren:

Einen Boykott der Olympischen Spiele hat es auch 1980 (Moskau) und 1984 (Los Angeles) gegeben. Und was hat es gebracht ? Politische Auseinandersetzungen auf dem Rücken von Sportlern auszutragen halte ich für den falschen Weg. China kann man auch anders treffen: durch den Kaufboykott der in China hergestellten Waren. Erziehung und Einsicht klappt eben nur über das Portemonaie. Das funktioniert im Kleinen wie im Großen.

Wolfgang Schäuble, Bundesinnenminister:

Der Sport kann seine Wirkung nur entfalten, wenn die Olympischen Spiele stattfinden.

Thomas Bach, DOSB-Präsident:

Gerade in solchen Situationen sind die olympischen Werte und Symbole, das Leben unter einem Dach und der friedliche Wettstreit besonders wichtig. Sie können ein ganz besonders intensives Zeichen setzen.

Sven Hansen, taz:

Doch zum anderen setzen heute alle westlichen Regierungen auf eine Einbindung Chinas in die internationale Gemeinschaft und das internationale Regelwerk. Da wäre ein Boykott kontraproduktiv, weil er nur eine nationalistische chinesische Abschottungspolitik fördern würde. (…) Und ausgerechnet bei Olympiaboykotten zählt China selbst zu den Spitzenreitern, womit es seinem jetzigen Mantra angeblich unpolitischer Spiele selbst am deutlichsten widerspricht. Denn von 1956 (Melbourne) bis 1980 (Moskau) hat China selbst wegen der Teilnahme Taiwans alle Spiele boykottiert.

Winfried Herrmann, Die Grünen:

Sollten sich die Unruhen in Tibet zu einem Bürgerkrieg ausweiten, dann muss sich das IOC ernsthaft fragen, ob es mit den Regeln der Olympischen Spiele vereinbar ist, diese Spiele überhaupt zu beginnen. (…) Man kann von Sportlern nicht das erwarten, was die Politik nicht leistet und die Wirtschaft schon gar nicht leisten will.

Dalai Lama, Geistliches Oberhaupt der Tibeter:

Ich will die Spiele.

Wang Guangze, Dissident:

Ich selbst unterstütze die Ausrichtung der Olympischen Spiele, allerdings unter bestimmten Bedingungen. Es ist nicht hinzunehmen, dass im Namen der Olympischen Spiele die Menschenrechte verletzt werden, zum Beispiel wenn vielen Wanderarbeitern während der Spiele ihr Aufenthalts- und Arbeitsrecht in Peking entzogen wird. An sich haben die Spiele aber etwas Positives für China. Die Volksrepublik lässt sich so ein Stück weiter auf internationale Gesellschaft mit ihren Werten und Regeln ein.

Jürgen Kremb, Der Spiegel:

Wenn „Olympia Beijing 2008″ nicht den Beigeschmack von Berlin 1936 bekommen soll, dann muss Chinas KP-Chef Hu Jintao jetzt etwas ganz anderes probieren, als er gewohnt ist. Nicht Härte, sondern Deeskalation. Nicht stupide Propaganda, sondern echten Dialog. Das Argument, Sport habe nichts mit Politik zu tun, wird kaum reichen.

Henning Fritz, Handball-Torwart:

So schlimm und ungerecht das Ganze ist, aber wir als Sportler können da eh nichts machen, das muss die Politik tun. Ich fokussiere mich derzeit auf den Sport und so blöd es klingt, ich lebe in meiner eigenen Welt, wo ich genug zu tun habe.

Heinrich Mann auf der Konferenz zur Verteidigung der Olympischen Idee am 6. und 7. Juni 1936:

Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitlichen Sportler respektieren? Glauben Sie mir, diejenigen der internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt.

Jörg Schild, Chef von Swiss Olympic:

Ich bringe es nicht fertig, zu sagen, wir gehen jetzt dort hin, um Sport zu treiben.

Michael Vesper, Chef de Mission der deutschen Olympiamannschaft:

Hat der Sport Erwartungen geweckt, die nicht erfüllt werden können?
Vesper: Die Erwartungen sind riesig, und sie überfordern uns.

Wango Tethong, Chef des Nationalen Olympischen Komitees von Tibet, in einem Brief an Jacques Rogge:

Ihr feiges Schweigen hat die Chinesen ermutigt, die Unterdrückung in Tibet fortzusetzen.

Christian Zaschke, Süddeutsche:

Dass die Boykotte der Vergangenheit nicht „nichts“ brachten sondern jeweils weltweit große Aufmerksamkeit, wird gern übersehen. Letztlich gilt den Olympiern, Sportlern wie Funktionären, der Satz ihres ehemaligen Vorsitzenden Avery Brundage als Motto, der 1972 in München sagte: „The games must go on“.

ps: Spam

„… ich sah viele abstürzen.“


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An wie vielen Häusern ich schon mitgebaut habe, weiß ich nicht mehr, es waren viele, ich sah Peking von oben wachsen. Ob die Stadt meine Heimat ist? Ich weiß nicht. Ich sehe, wie sie wächst, ich sehe die Kräne. Und ich sah schon viele Kollegen fallen, ich sah viele abstürzen.

Der Pekinger Bauarbeiter Guo Ende in der Zeit vom 19.7.

Neuer Kopf

Das wurde auch höchste Zeit. Und wer selbst mal ein bisschen stöbern möchte

… im Schlepptau vier schwarze Limousinen

Ines Geipel über eine Erfahrung mit der Pressefreiheit im Olympiawunderland. Und noch eine. Und noch eine.

Aber, puh, hier geht es ja um Sport. Olympia. Wollen wir doch diese Vorspielverderber ganz schnell wieder vergessen. Weltverbessern können doch andere.

Das zweite Kommen ist nahe

Dejagah, Israel, Sport.

„Sport, Israel?“, klüngelte die Zwischenhirnrinde Alarm, wenn sie denn klingeln könnte; da war doch mal was, ja was war denn da mal, und nach Pauergugeln bin ich dann doch noch drauf gestoßen:

The Grand Prix priest. Israel fulfillment of prophecy says the Bible, the second coming is near

Diese beschwörerischen Worte füllten ein Schildeken, das ein durchgeknallter irischer Priester, der zudem betrunken gewesen sein soll, beim Olympischen Marathon 2004 um den Hals trug, als er den bis dahin Führenden ungefähr bei Kilometer 34 von der Strecke zerrte, worauf dieser 20 Sekunden Zeit verlor, am Ende nur Dritter wurde und vom Rogge-Jacques zu schlechter Letzt noch so ’ne pissige Fairplaymedaille umgebaumelt bekam. Die ganze traurige Geschichte des Cornelius Horan steht im Lexikon.

Und damit der Boulevard nicht zuckt: Mit Herrn Dejagah hat das überhaupt nichts zu tun. So sind sie eben, diese Assoziationen. Kommen und gehen. Und sind dabei komplett schlagzeilenungeeignet.

Olympia 2008: Bergfeuer

Das olympische Feuer wird 137.000 Kilometer zurücklegen, 28 Länder durchqueren und den Mount Everest auf einer eigens gebauten Straße passieren – sicherheitshalber mit einer zweiten Fackel.


Olympisches Feuer vor 35 Jahren

Mittwochskorinthe: Deutschland bei Olympia 2004

In Athen 2004 hatte die deutsche Mannschaft in der Nationenwertung Rang fünf belegt.

Das stimmt nicht, liebe dpa. Es war Platz sechs. Interessant die Medaillenstatistik verschiedener Online-Quellen:

13/16/20 (Wikipedia, IOC)
14/16/18 (Stern, DW, Spiegel, netzeitung)
14/15/18 (Suzans Web-Blog)

Und als Rausschmeißer: Die gute, alte FAZ, wie sie dem Volk mal richtig aufs Maul geschaut hat.

Ein Satz, der im Sommer 2008 nicht fehlen darf

Es ist sehr schwierig, in China „sauberes“ Business zu machen.

Plumpe Versuche

Es ist mal wieder soweit. Das vor allem in den 80er Jahren hüben wie drüben so beliebte wie wirkungslose sportpolitische Instrument „Boykott der Olympischen Spiele“ ist erwacht. Noch etwas schläfrig räkelt es sich sowohl in einer Resolution amerikanischer Republikaner sowie in einem Interview des unermüdlichen Werner Franke.

Deutschlands penetrantester Dopingjäger fordert einen „Aufstand der Anständigen“, weil die Anti-Doping-Kontrolleure noch nicht dahin dürfen, wo sie gerne hinmöchten. Die Empörung ist verständlich, doch wäre der Fall mit einer zu erwartenden Erlaubnis auch schnell wieder aus der Sportwelt geschafft. Frankes zweites Argument, der in Teilen stark dopingverseuchte chinesische Sport, ist dagegen kein unbekanntes. Und es rechtfertigt zwar starke Kontrollen, eine kritische Berichterstattung und distanzierte Bewertung von Spitzenleistungen – aber noch lange keinen Boykott.

Noch erstaunlicher, wie gerade acht Abgeordnete der Partei George W. Bushs ihre Erklärung begründen. China halte tausende Gefangene ohne Prozess fest, heißt es dort, zudem unterstütze die chinesische Regierung mehrere totalitäre Regime. Wer aber solche Vorwürfe im Zusammenhang mit Olympischen Spielen auf das Tapet bringt, muss sich auch die zu erwartenden Reflexe namens „Guantanamo“ und „Waffenlieferungen in den Nahen Osten“ gefallen lassen. China, das trotz gegenteiliger Versprechungen weiterhin Menschenrechte mit den Füßen tritt und Kritiker mundtot macht, sollte es so einfach nicht gemacht werden, derart plumpe Boykott-Aufrufe kontern zu können.