Der Ringkampf

Der hohe Favorit hatte es jetzt begriffen. Den viel jüngeren Kontrahenten mal eben zu bezwingen, ihn mit purer Stärke zu dominieren, mit Erfahrung, physischer wie psychischer Kraft; das würde nicht funktionieren. Nicht jetzt, nicht hier. Der Favorit hatte seinen Gegner unterschätzt.

Es war ein Finale, wie es sich die wenigen Zuschauer nur wünschen konnten. Packend, mit Tempiwechseln, dabei alle Abstufungen der sportlichen wie menschlichen Gefühlsskala durchspielend. Der Favorit war zwar optisch im Vorteil, doch alle auf und an der Matte wussten es besser und ließen sich nicht von seinen schnörkelig vorgetragenen griechisch-römischen Standardtricks blenden. Es war noch alles offen. Und wie das so ist bei einem Generationenduell: Um so länger der Kampf andauerte, um so stärker zog es das Publikum auf die Seite des Neulings.

Der Favorit bemerkte den atmosphärischen Wandel, er fühlte die grundlegende Bedeutung dieses Finales, die über das reine Gewinnen eines Ringerturnieres hinausging. Nichts weniger als sein Ruf stand hier auf dem Spiel.

Er wechselte die Taktik: Statt rigoros und offenbar erfolglos mit einer Allesodernichts-Strategie schnell für klare Verhältnisse zu sorgen, setzte er nun auf Abwarten. Wie eine Katze schlich er um den hoch konzentrierten Gegner, der scheinbar unbeteiligt in der Mattenmitte stand und dabei seine Arme aufreizend umherwirbelte. Da das Kampfende nahte, musste es jetzt zum unvermeidlichen Showdown kommen …

Am Ende siegte noch einmal der Favorit. Aber eines hatte er plötzlich begriffen: Er war von nun an die längste Zeit ein Favorit gewesen.

Und so höret und staunet: Das Ankleiden eines kräftigen, bewegungsfreudigen, quirligen und dabei recht modeunlustigen knapp anderthalbjährigen Sohnes ist nicht immer eine problemlose Angelegenheit.


1 Antwort auf “Der Ringkampf”

  1. 1 Ghost Dog 25. Oktober 2007 um 13:19 Uhr

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