Es passiert nach dem dritten Viertel. Wenn der Buzzer Beater durch die Reuse gerauscht ist und die Kamera vom Spielfeld wegzoomt, müsste eigentlich ein Statistik-Screen auftauchen, der über Ballbesitz, Wurfquoten und gesammelte Rebounds informiert. Tut er aber nicht. Stattdessen dreht die CD-ROM Ehrenrunden, und nach einigen Sekunden ploppt die Fehlermeldung auf und versaut mir den Abend.
Zugegeben, ich bin nicht ganz unschuldig an diesem tragischen Zocker-Dilemma.
Als ich ein kleiner Junge war, habe ich meiner Mutter mal fast 70 Dehmark aus ihrer abgewetzten Kunstlederbörse gequengelt, um ein Computerspiel zu kaufen. Ein Argument damals war (und ich bin heute noch erstaunt, wie diplomatisch ich sein konnte, wenn ich etwas haben wollte), dass das Game derart komplex sei, dass ich mich lange daran ergötzen könne und somit das Familienbudget in der nächsten Zeit nicht mit solch hedonistischen Konsumwünschen strapazieren würde. Ich ahnte nicht, wie Recht ich haben sollte.
Zuerst ruckelte „NBA Live ’97″ – denn darum geht es hier – auf meinem hoffnungslos überforderten Personalcomputer in beängstigender Weise; ein epileptischer Anfall meinerseits hätte niemanden wundern müssen. Ich musste das Spiel auf die Hälfte des sowieso schon unterdurchschnittlich dimensionierten Bildschirms herunterskalieren, um überhaupt eine nebulöse Ahnung vom Spielgeschehen zu bekommen, vom Ton ganz zu schweigen.
Derart armselig konfiguriert gewann ich mein erstes Spiel.
Dann kamen neue Rechner und Bildschirme, ich durchspielte ganze Saisons mit einer Mannschaft, irgendwann konnte ich sogar den Ton einschalten und mich über die seelenlosen deutschen Kommentare ärgern. Ich freute mich, dass Kobe Bryant (im Spiel als Rookie geführt) auch in der Pixel-Variante einen Threesixty nach dem anderen in die konturenarmen Gegenspielerfressen hämmerte. Und eine Saison lang – es muss die Zeit gewesen sein, als ich selbst noch aktiv spielte – habe ich mich per Editor als Lakers-Pointguard ins Spiel gebeamt. Als ich in den Conference-Finals im siebten Spiel den entscheidenden Dreier nur auf den Ring gesetzt habe, hat mein Schreibtischplatte aus Holz ihre bis heute charakteristische Absplitterung am rechten Plattenrand erleiden müssen.

Nun bringt EA Sports jedes Jahr eine neue Version der NBA Live-Reihe heraus, mit neuen Features, verbesserter Grafik, verbessertem Gameplay. Sagen sie. Ich habe mal bei einem Freund die 99er-Version ausprobiert und war entsetzt. Das hatte nichts mehr mit ernsthaftem Basketballsport zu tun, das war ein visuelles Massaker, die Steuerung unmöglich, die Moves sowas von unrealistisch, und überhaupt wollte konnte ich mich überhaupt nicht daran gewöhnen.
Außerdem gab es immer das leidige Problem, dass meine irgendwo zusammengeklaubten Computerkomponenten meist immer einen Tick zu schwach waren für die neuen NBA Live-Versionen. Hinzu kam, dass Zeit und Lust für tage- und nächtelange virtuelle B-Ball-Orgien schwanden. So blieb ich bei meinen 97er Leisten, reizte die Taktik-Funktionen bis zum Erbrechen aus und gewann die erste Meisterschaft im mittelschweren Modus.
Nun ist so eine CD-ROM ja auch kein zeitloses Ding. Sie altert, wird launisch, bekommt Falten. Schon das vorletzte Laufwerk hatte seine Mühe und Not, so manche Jahrhundertpartie verschwand durch einen Spontanabsturz ungespeichert in den Ewigen Digitalen Jagdgründen. Aber immerhin konnte ich auf einem großen Flachbildschirm nun mit unvorstellbarer Rasanz zocken, der Allstar-Modus wurde dabei zu einem guten Bekannten. Bald war ich so gut, dass ich mein Team mit einem unterdurchschnittlichen Zufallsteam ungeschlagen durch die 82-Spiele-Saison führte.
Dann kamen die Playoffs. Erste Runde, Gegener Phoenix Suns. Mittlerweile – eine Dekade nach der Veröffentlichung – zelebriere ich das Spiel auf einem neuen Laptop. Brillante Grafik, jetzt sogar Original-Kommentar, wir führen in der Serie mit 2:0. Die letzten Partien habe ich manchmal doppelt spielen müssen, weil der Klapperechner nach dem dritten Viertel eine Sprachdatei nicht einlesen kann. Aber irgendwie ging es dann immer noch.
Bis jetzt.
Jetzt geht es mir wie Bill Murray – es ist immer das Gleiche. Spiel an, wir liegen vor dem letzten Viertel meist klar in Führung, dann der Bug. Ich kenne jetzt jede Angriffsvariant der Suns, ich weiß, dass ich über Dino Radja (jahaa!) die einfachen Punkte bekomme, aus Langeweile habe ich sogar schon einmal drei flagrant fouls in siebzig Sekunden geschafft. Manchmal wette ich mit mir, wie oft ich Suns-Pointguard Kevin Johnson den Ball bei zwei Angriffen hintereinander klauen kann. Ansonsten bin ich aber auch ein ganz normaler Mensch.
Fakt ist aber, dass ich nicht weiterkomme. Ist das das Ende?