Zidane et Chili

Gerade gelesen, dass dieses Tor zum besten der Champions League-Geschichte gewählt worden ist. Da kams mir gleich wieder hoch …

Nein, der Fußball hat uns an diesem Abend nicht sonderlich interessiert. Zwar stand die WM 2002 vor der Tür und eine deutsche Mannschaft im Finale der Champions League. Aber sonst: Bier, Blödsinn, Bayer. Leverkusen interessierte uns nicht die Bohne, der erste Becks-Kasten ging bereits nach der CL-Start-Hymne in Vorruhestand und die Wohnung des bemitleidenswerten Gastgebers wurde Schritt für Schritt Tinewittleresk generalüberholt.

Den Junggesellenspaß trübte nur ein perfide scharfes Chilli con carne und Raúl, der Finalgegner Real Madrid früh in Führung brachte. Egal, noch’n Pils, das Chilli war wirklich scheiße scharf. Das Spiel: gar nicht übel, Lucio köpfte den Ausgleich und lieferte damit den Grund für die nächste Buddel.

Kurz vor der Pause wollte ich eigentlich ein ungestörtes Zwiegespräch mit meinem aufgewühlten Magen- und Verdauungstrakt aufnehmen. Er sollte aber nicht dazu kommen. Zinedine Zidane hatte nämlich gerade das Spiel entschieden.

Ein Volleyschuss zerschmetterte Bayers Titelambitionen. Zidane hatte sich 45 Minuten lang warmgelaufen und fand es dann offenbar an der Zeit, Real wieder in Führung zu bringen. In der zweiten Halbzeit passierte noch sehr viel, aber dieser Sonntagsschuss schien Leverkusen zu lähmen: Sie rannten und drückten, sie kämpften und schossen, aber Fußball gespielt haben Ballack, Butt und Neuville nicht mehr. Nicht in Zizous Sinne zumindest.

Der verbrachte die zweiten 45 Minuten mit dem Auslaufen. Auf dem Platz, versteht sich. Kann sein, dass er auch irgendwann ausgewechselt wurde. Ich habe das nicht mehr so richtig mitbekommen. Weil ich mir Dutzende Wiederholungen von Zidanes Siegtor ansah, ja ansehen musste, weil ich minutenlang den Kopf schüttelte ob der Klasse dieses Franzosen, weil ich mit den anderen Betrunkenen peinliche Loblieder auf den elegantesten Fussballer seiner Zeit improvisierte, weil ich also auf mein Sport-Herz hörte statt auf meinen Magen, hatte ich noch weit nach dem Abpfiff damit zu tun, meine Kotze aus der Gastgeberspüle zu kratzen und mich in der Nacht bei einem spontanen Kick (ja, Kick) auf dem lokalen Basketballcourt langsam wieder auszunüchtern.

Erstveröffentlichung im April 2006
Das Zidane-Tor bei youtube


0 Antworten auf “Zidane et Chili”

  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>