Sawtschenkosolkowy, der Ingo und ein Freundeskreis

Der Fall hätte ein Beispiel werden können, wie souverän sich umgehen lässt mit einer Stasi-Enthüllung 16 Jahre nach der Wende. Stattdessen wurde er zum Beispiel dafür, wie tief zerrissen die Republik noch ist, wie viel Ballast unaufgearbeitet liegengeblieben ist und wie unterschiedlich der Blick auf das ist, was war.

Dieses Fazit beendet einen SZ-Text über den Eiskunstlauf-Trainer Ingo Steuer und dessen Geschichte. Im Moment kämpfen Steuer und seine Schützlinge Aljona Sawtschenko/Robin Szolkowy in Tokio um eine WM-Medaille. Nach dem Kurzprogramm liegen sie – eingekeilt von China – auf Platz zwei. Sollten sie eine Medaille mit nach Chemnitz bringen, geht es wohl wieder von vorne los.

Schon vor/während/nach der EM in Warschau bot das beste deutsche Eiskunstlaufpaar genügend Fläche für jedermanns Projektionen. Mittlerweile dürften die Namen des Greifswalders und der Kiewerin jedem halbwegs Nachrichteninteressierten geläufig sein, jede Tageszeitung dürfte in den vergangenen Monaten mindestens einen großen Text über den Steuer-Fall präsentiert haben. Der Sport Eiskunstlauf bietet dabei nur die Basis, auf der das eigentlich Interessante – die politische Geschichte ihres Trainers – aufsattelt.

Das ist nicht schlimm, entstehen dabei solch differenzierende Berichte wie der sueddeutsche einer ist. Sein Problem ist ein anderes, ein handwerkliches: Am Tag der Veröffentlichung wurde bekannt (natürlich taucht das im SZ-Text noch nicht auf), dass Steuer sein Ticket nach Tokio nicht selbst bezahlt hat. Bis zu 900 Euro bekam er von dem ihm bis dato unbekannten „Freundeskreis der Sport-Senioren“ überwiesen. 150 ostdeutsche Funktionäre und Sportinteressierte kämpfen unter dem Dach des „Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden“ gegen Benachteiligungen, die DDR-Bürgern im Zuge der Wiedervereinigung widerfahren sind.

Steuer findet die Einladung übrigens „eine tolle Sache“. Und mein vorher recht ausgewogenes Sympathiependel schlug plötzlich in eine Richtung aus. Ein Mann, der sich ungerecht behandelt fühlte und stets den eindimensionalen Blick auf seine Person beklagte, lässt sich bewusst von Menschen aushalten, die – meiner schnellen Meinung nach – genau diese politische Sensibilität im Umgang mit der deutschen Vereinigung klar vermissen lassen.

Super, Ingo. Ein gefundenes Fressen ist das. Aber das wird ihm vermutlich egal sein. Und bei einer medaillenbeschmückten Rückkehr wird er für sich alles richtig gemacht haben. Dann wird es nur ein wenig schade sein, dass neben ihm zu wenig Platz für die große Leistung seiner Sportler geblieben ist.


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