Wie ich einmal Mitleid mit Sebastian Deisler bekam

Ich habe mal ein Praktikum in der Sportredaktion eines Berliner Boulevardblatts gemacht. Und wie das so ist mit Praktikanten, machen die erstmal Fleißarbeit. Meine erste Aufgabe, überbracht von einem grummeligen Redakteur, der offenbar froh war, die lästige Arbeit losgeworden zu sein:

Hier ein Janzkörper-Bild von Basti. Such ma die janzen Fahletzungen ausm Aaachif und machn schwuppigen Einstieg. Aber dalli, dit muss morgen noch mit!

Sebastian Deisler spielte damals bei Hertha BSC, ein großes Gladbacher Talent sollte bei der Alten Dame zu einem Weltstar reifen. Doch außer einem phänomenalen Freistoß gegen Hansa Rostock hatte man noch nicht viel von Deisler gesehen, gerade war er wieder verletzt. Dieter Hoeneß und sein launiger Verein sollten ihre Illusionen schnell verlieren: Wenn Deisler nicht an irgendwas laborierte, spielte er so gut, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der Wursthändler von der Isar zuschnappen würde.

Ich habe damals lange rumgesucht und während der Recherche eine Menge über diverse Verletzungen an Fußballer-Beinen gelernt. Doch dass ein hoffnungsvoller Mittelfeldspieler auch psychisch erkranken kann, ahnte noch niemand. Nur der Redakteur traf mit seiner missmutigen Analyse, aus der ordentlich fettbehangenen Hüfte geschossen, ungewollt ins Schwarze:

Der Bengel is doch fertich. Der is alle. Der kann nüscht mehr. Ick sach dia watt: In drei Jahren is der ausjebrannt.

Und da passierte es: Ich bekam Mitleid mit Sebastian Deisler. Nun war ich noch jung, aber Deisler war jünger. In meinen noch nicht sonderlich geschulten Fußballkonsumentenaugen kickte er einen guten Ball, ich freute mich schon damals auf die WM 2006, in der Deisler doch bestimmt eine tragende Rolle im deutschen Mittelfeld spielen würde. Vor allem aber schien er so anders, als ich aufstrebende Fußball-Talente bis dato kennengelernt hatte: Ruhig, ohne introvertiert zu sein, angenehm im Interview, ohne gleich als eloquent zu gelten. Er sträubte sich nicht sonderlich gegen den Starrummel, ging ihm aber aus dem Weg. Er wollte Fußball spielen. Und wurde jetzt gerade vor meinen Ohren von einem zweitklassigen und übergewichtigen Schreiberling abgefertigt.

Und das Schlimmste war: Der dicke Redakteur hatte Recht.

Es war Deisler nie vergönnt, sich ohne Einschränkung auf das zu konzentrieren, was er wollte und konnte. Mediale Aufmerksamkeit gehört nun mal dazu, permanentes Verletzungspech aber nicht. In München wurde das mit den Medien besser, doch die Krankenakte wuchs und wuchs. Deisler wagte den Schritt und bekämpfte Depressionen, öffentlich. Er wollte sich für die WM vorbereiten, in seinem Leben würde es immer die größte bleiben, mit dem Eröffnungsspiel vor der eigenen Haustür – er verletzte sich wieder. Deisler flog in den Urlaub, als zu Hause Märchenstunde war. Vermutlich hätten weniger sensible Charaktere längst das Handtuch geschmissen. Doch der Fußballer, den sie mal Basti Fantasti nannten, hat auf den richtigen Moment gewartet. Hat sich in der Winterpause, an einem grauen Januardienstag, mit Uli Hoeneß zwölf Uhr mittags vor die Mikrofone gesetzt und es bekanntgegeben:

Der Deisler hört auf.


foto_flickr


1 Antwort auf “Wie ich einmal Mitleid mit Sebastian Deisler bekam”

  1. 1 Ein Haufen Nachdenklichkeit | Du Gehst Niemals Allein Pingback am 01. Oktober 2009 um 15:29 Uhr
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