Michael Ballack ist schon so einer. Mir ist er durch die WM und das folgende Sommermärchen nicht unbedingt näher gekommen, also menschlich.
Manchmal und besonders, wenn er den Mund aufmacht, wirkt er so harmlos wie Bernd Schneider, was durchaus an ihrem Herkunftsdialekt liegen kann. Nur hat Bernd Schneider das Glück gehabt, niemals torgefährlich gewesen zu sein und demzufolge nie in die Gefahr zu geraten, ein so genannter leader sein zu müssen.
Dann sehe ich im Fernsehen in Superzeitlupe eine Szene, in der Ballack seinen äußerst kräftigen Arm winkelt und dessen spitzen Winkel im Luftduell in des Gegners Visage platziert. Das und andere Grobheiten macht der Ballack öfter, und nicht immer unabsichtlich, so scheint mir. Schließlich muss er der leader sein, Zeichen setzen und sowas.
Ansonsten wirkt er ganz nett, er hat Kinder und sagt keinen Unsinn. Aber manchmal verstehe ich ihn immer noch nicht. Da wird er ins Herzstück einer der besten Legionärsmannschaften des Weltfußball verpflanzt und hat den bei Chelsea obligatorischen Initiationsritus zu bestehen: Auf einem Stuhl ein Lied singen. Gut, muss man durch, warum also nicht mal acapella rocken. Nun gibt es viele Möglichkeiten, dies zu tun: Udo Lindenberg (Kult), Reinhard Mey (Texte), Grönemeyer (London), Campino (Refrain), Gerhard Schöne (Papafaktor). Und immerhin hat Ballack nicht versucht, einen auf Naidoo zu machen.
Aber Peter Cornelius?
Wann i oft a bissl ins Narrnkastl schau‘,
dann siech i a Madl mit Aug‘n so blau,
a Blau des laßt si‘ mit gar nix anderm vergleich‘n.
Sie war in der Schul‘ der erklärte Schwarm,
von mir und von all meine Freund‘, doch dann,
am letzten Schultag da stellte das Leben seine Weich‘n.
Wir hab‘n uns sofort aus die Aug‘n verlor‘n,
i hab mi oft g‘fragt, was is aus ihr word‘n.
Die Wege, die wir beide ‚gangen sind,
war‘n net die gleichen.
Und vorgestern sitz i in ein‘m Lokal,
i schau in zwa Aug‘n und waß auf einmal,
es is dieses Blau, des laßt si mit gar nix vergleich‘n.
Du entschuldige i kenn di,
bist du net die Klane,
die i schon als Bua gern g‘habt hab.
Die mit dreizehn schon kokett war,
mehr als was erlaubt war,
und die enge Jeans ang‘habt hat.
I hab Nächte lang net g’schlaf‘n,
nur weil du im Schulhof
einmal mit die Aug‘n zwinkert hast.
Komm wir streichen fünfzehn Jahr‘,
hol‘n jetzt alles nach,
als ob dazwischen einfach nix war.
Sie schaut mi a halbe Minuten lang an,
sie schaut, daß i gar nix mehr sag‘n kann,
…
…
Und so weiter und so fort. Ich stelle mir gerade vor, wie ein verschämter Ballack in der Chelsea-Kabine auf einen Stuhl steigt und vor der versammelten Fußballprominenz einen Weg zwischen südostdeutschem und österreichischem Dialekt sucht, Mourinho die Tränen kommen und das Bier zwecks Schmerzbetäubung nur so fließt.
Ich verstehe das nicht. Aber ich bin ja auch kein Spitzensportler – das wurde mir schon bewusst, als Dirk Nowitzki zugab, sich vor Freiwürfen Spielen mit David Hasselhoffs „I‘ve been looking for freedom“, nun ja, zu stimulieren sagt man da wohl.
Wer sich für den kompletten Text des Peter-Cornelius-Burners interessiert – nun, Reisende soll man nicht aufhalten.