Archiv für September 2006

Worte zum Wochenende

Das Aus der anderen deutschen Clubs ist gut für uns, weil der Pott mit den Fernsehgeldern jetzt durch weniger Mannschaften geteilt wird.

Heribert Bruchhagen, Vorstand Eintracht Frankfurt

Topalows Taktik: Toiletten-Theater

Da duellieren sich in der Hauptstadt der Kalmücken die beiden besten Schachspieler der Welt, und niemand berichtet. Zumindest nichts über die Toiletten-Affäre.

Es ist nämlich so: Wesselin Topalow aus Bulgarien und der Russe Wladimir Kramnik ermitteln in zwölf Partien den wahren Schachweltmeister. Bislang gab es einen des Weltschachbundes FIDE und seit 1993 einen externen, meist war das der Bessere. Topalow (FIDE) und Kramnik (der Bessere) wollen nun im so genannten Wiedervereinigungskampf diese Zweiteilung beenden.

Dementsprechend zickig sind die beiden, was die äußeren Bedingungen der WM betrifft. Und hier kommen endlich die Toiletten ins Spiel. Topalow liegt aktuell 1:3 hinten und beschuldigt Kramnik des Toiletten-Schmus:

Die Topalov-Delegation beschwert sich, dass Kramnik während der Partien außergewöhnlich oft die Toilette aufsucht, den einzigen Raum ohne Videoüberwachung, und fordert, dass beide Spieler von nun an die öffentliche Toilette benutzen sollen. Andernfalls würde ernsthaft der Abbruch des Wettkampfes in Erwägung gezogen.

Der Protest zeigte Wirkung, beide Denksportler grübeln fortan auf derselben Klobrille. Damit aber nicht genug: Kramnik meckert nun seinerseits, weil das Beschwerdekommittee einfach mal eben die vorher vereinbarten Regeln ändert. Die eigene Toilette sei sehr wichtig für Mr. Kramnik:

The reasons that Mr. Kramnik is entering his own bathroom often is simple: The restroom is small and Mr. Kramnik likes to walk and therefore uses the space of the bathroom as well. It should also be mentioned that Mr. Kramnik has to drink a lot of water during the games.

Topalow wiederum ist ebenfalls nicht komplett zufrieden mit der Entscheidung und will Kramnik jetzt nicht mehr die Hand geben und mit ihm zur Pressekonferenz geben. Experten vermuten, das Toiletten-Theater ist nur Taktik von Topalow.

Aber wir sind immer noch nicht fertig.

Heute soll das fünfte Spiel stattfinden. Sicher ist das allerdings nicht:

Nachdem Partie 5 heute mit einer Verzögerung von 22 Minuten offiziell gestartet wurde, wartet Topalov am Spieltisch auf Kramniks ersten Zug. Kramnik ist nach 30 Minuten immer noch nicht erschienen. Anscheinend befindet er sich in seinem Ruheraum und wartet, dass die vertraglich fixierten Spielbedingungen wiederhergestellt werden, genauer: dass seine Toilette, die inzwischen wohl abgeschlossen wurde, wieder für ihn zugänglich gemacht wurde, so heißt es aus Elista.

Herrlich. Gibts das eigentlich irgendwo live? Netz, TV, Radio? Was gäbe ich für ein paar verruckelte Bilder aus Mr. Kramniks Ruheraum. Na immerhin ein Bild:


fotos_worldchess2006.com

Bevor neue Nachrichten eintrudeln, noch zwei Links zur geistigen Erbauung: Die Zeit beschrieb anlässlich der WM 2004 unter anderem die Rolle von Kramniks Manager Carsten Hensel und der autonomen Republik Kalmückien im Schachbetrieb. Und schließlich: Die 10 schönsten Schachfrauen der Welt.

Nachtrag: Auf der Live-Seite von worldchess2006.com wird Topalow derzeit als Sieger von Partie fünf geführt. Offenbar ist Kramnik nicht angetreten. Kramnik ist laut chessbase.com nicht angetreten. Das Duell stünde steht somit 2:3:

Im Moment ist unklar, wie es in Elista weiter gehen soll.

Die Fußballsprüche des Jahres

Lukas also Gold und Bronze und Achter und Neunter! Doch auch die weiteren Platzierten der Wahl zum Fußballspruch des Jahres durch die Deutsche Akademie für Fußballkultur sollen geehrt werden:


1. „So ist Fußball. Manchmal gewinnt der Bessere.“
Lukas Podolski (nach dem 0:2 im WM-Halbfinale gegen Italien)
2. „Ich bin schon zufrieden, wenn wir die Eröffnungsfeier nicht verlieren.“
Günther Beckstein
3. „Fußball ist einfach: Rein das Ding – und ab nach Hause.“
Lukas Podolski
3. „Partyotismus“
Achim Bogdahn
5. „Ich verspreche euch: Wir verlieren nie wieder!“
Hans Meyer (am Ende der Saison 2005/06 zu den Fans)
6. „Seine Wade ist noch nicht da, wo sie hin muss“
Jürgen Klinsmann (Begründung für den Verzicht auf Michael Ballack im
Eröffnungsspiel gegen Costa Rica)
7. „Das Leben ist kein Heimspiel.“
Klaus Hansen (Buchtitel)
8. „Wir müssen die Köpfe hochkrempeln und die Ärmel natürlich auch.“
Lukas Podolski
8. „Doppelpass alleine? Vergiss es!“
Lukas Podolski
10. „Das Spiel der Engländer in der 1. Halbzeit war viel zu langsam, was mit
Sicherheit am Tempo gelegen hat!“
Kalle Riedle
11. „Dass wir auch uns freuen können, wenn wir nicht Erster werden – das, finde ich, ist der eigentliche Gewinn.“
Angela Merkel

In der Jury übrigens: Christian Eichler, Christoph Bausenwein, Christoph Biermann, Thomas Brussig, Oliver Fritsch, Günther Koch, Nicole Selmer, Arnd Zeigler.

„… dann brechen alle Dämme“


foto_homelessworldcup.org

Ja, es stimmt schon, die WM der Obdachlosen in Südafrika wird in Deutschland kaum bis gar nicht erwähnt. Wen kümmert‘ schon, wenn Penner bei den Negern kicken. Kein Quotenthema. WM und Südafrika – diese Kombination ist derzeit anders besetzt.

Dabei ist interessant, dass es eben überwiegend nicht ältere Obdachlose sind, die da für Schwarzrotgelb spielen, sondern Jungs, die einiges hinter sich haben und gerade dabei sind, wieder clean zu werden:

Since 2003 I´ve lived in a shelter for homeless people where unfortunately I started using heavier drugs as well. At the moment I am trying to find an apartment and to find work in the field of carpentry or metal work. (Christian Pomorin)

After a few months I found my father´s girlfriend dead in our house. She had died from an overdose of heroin. Later myy father was sentenced to 6 years in jail. (…) I was prescribed drugs, had a lot of problems with violence at school and my mother couldn´t handle the situation. (Marc Füllenbach)

I would describe myself as being a loner. I started smoking at the age of 11 and started trying to solve my problems by drinking alcohol at the age of 13. I spent four months in Gifhorn jail some time ago because of violence. (Mario Ziegler)

I had a lot of problems at school and started consuming alcohol at the age of 14. At the age of 15 I started consuming THC regularly, at 16 I started ecstasy and amphetamines. I didn´t finish school. (Sebastian Timmermann)

After leaving my job I got addicted to illegal drugs in the year 2000. As a result of my liefstyle as a drug-addict, I was sentenced to jail a few times. (Stephan Voss)

Trainiert wird die Mannschaft von Dieter Hollnagel aus Schwerin, der in der DDR ein erfolgreicher Jugendtrainer war. Heute engagiert sich Hollnagel für die „Schweriner Tafel“, unter anderem initiierte er die Straßenzeitung „Die Straße“. Illusionen hat er keine mehr:

Wir unterweisen sie vor der Fahrt, dass sie keinen Alkohol zu trinken haben. Aber es sind Trinker und die Sucht ist einfach größer. Zum Ende des Turniers, wenn die Kraft nachlässt und die Ergebnisse nicht mehr so kommen, dann brechen teilweise alle Dämme. (…) Ich muss dazu sagen, dass wir in Südafrika, wie auch in den vergangenen Jahren, unter einfachsten Bedingungen kampieren. (…) Verständnis dafür, dass Obdachlose nach Kapstadt fliegen – das haben die wenigsten.

Der UEFA-Pokal und seine Namen

Es gab Zeiten, da kannte ich alle Vereine im UEFA-Cup. Wirklich alle. Vom Namen her, versteht sich. Dann zerbröselte die UdSSR in einen Haufen Länder mit eigenen Ligen, Fußball und Kommerz paarten sich und bekamen viele, kleine Kinderchen, die prächtig gediehen. Und, ja, Freizeit wurde zu einer endlichen Größe, die mittlerweile nicht mal mehr das Synonym Größe zu Recht tragen sollte.

Und so kommt es, dass sich bei der wie immer sehr erbaulichen Lektüre der ersten UEFA-Pokal-Runde in meinen Augen gar Illustres tummelt. Schön beispielsweise ist das Attribut Tschornomorets vor der Mannschaft aus Odessa. Heißt nämlich Schwarzes Meer und sollte die deutschen Nordklubs mal zu einem Namens-Relaunch bewegen: Ostsee Rostock, Nordsee Hamburg, Bodensee Freiburg. Na ja.

Oder Ethnikos Achnas aus Zypern, wenn die mal nicht prädestiniert für den Fair-play-Preis sind. Wer hingegen behauptet zu wissen, aus welchem Land der Verein Rubin Kasan stammt, lügt oder hat wirklich nix Wichtiges zu tun ist offenbar ein Eishockey-Fan. Wer mir dagegen glaubhaft begründen kann, warum ihm schon bekannt war, dass Kasan die Hauptstadt Tatarstans ist, dem schreibe ich eine vierzeilige Ode auf Russisch.

Weiter im Text: ein Superfund ist Superfund Pasching, Skoda Xanthi oder auch Rabotniki Skopje (FC Arbeiter Schalke klänge doch prima). Ruzomberok hätte ich eher in die Anagramm-Ecke als in die Slowakei gesteckt, bei Zulte-Waregem eher auf SPD-Hinterbänklerin als belgischen Durchschnittsklub getippt.

So kann ich nur lernen und insgeheim froh sein, dass der Cup der Pokalsieger schon abgeschafft ist.

Evolution statt Revolution

Michel Platini will Präsident der UEFA werden, die französische Fußball-Legende kandidiert im Januar 07 gegen den aktuellen Amtsinhaber Lennart Johansson. Jüngst ist sein Fünf-JahresPunkte-Plan bekannt geworden. Demnach will Platini

  • die „Familie des Fußballs“ wieder einigen. Soll heißen: Die Großkopferten der Europäischen Fußball-Union, und nicht irgendwelche unabhängigen Richter, sollten über die Zukunft des Fußballs entscheiden.
  • die Macht der Verbandspräsidenten wieder stärken
  • das Solidaritätsprinzip stärken und die Zentralvermarktung beibehalten – die G14 wirds freuen.
  • der EU klar machen, dass Fußball anders ist als andere wirtschaftliche Tätigkeiten: ein Spiel, das nicht nur Marktgesetzen unterworfen werden kann. Das heißt: Kampf den Manipulationen, dem Doping, Rassismus und anderen Marktgesetzesbrechern.
  • die Champions League offen halten

Theo Zwanziger hat sich schon festgelegt, er stimmt auf jeden Fall für Johansson. Mit seinem Programm hat sich Platini aber zumindest positioniert, auch wenn seine Punkte nicht meilenweit von der Politik des seit 1990 amtierenden Schweden entfernt ist. Eine Alternative stellt der Europameister von 1984 aber auf jeden Fall dar, auch wenn nicht alle Ankündigungen realisiert werden können.

Nur eins gefällt mir nicht: Die Erwähnung der „Fußball-Familie“. Erstens sagt das der Schummel-Sepp von der Fifa auch immer, und zweitens muss ich immer – und mit dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in Italien ist die Assoziation gleich noch stärker – an eine andere Familie denken.

„So ist Fußball.“

Für mich ganz klar die Nachricht des Jahres 2006:

Lukas Podolski bekommt gemeinsam mit Franz Beckenbauer den Fußball-Kulturpreis 2006 verliehen.

Was Wikipedia nicht weiß …

… und in der Berichterstattung rund um die HSV-Pleite in Moskau nicht erwähnt wird: Bei Pogon Stettin aus der polnischen ersten Liga spielen aktuell 17 Brasilianer und ein paar andere. Da fliegen dann schon mal Bananen und Nazi-Parolen durchs Stadion.

EM-Maskottchen nullacht

Ach du Schreck: Bei der Abstimmung zu den Namen der EM-Zwillinge sind drei „Antworten“ vorgegeben. Hier die „Auswahl“:

  • ZAGI & ZIGI
  • FLITZ & BITZ
  • TRIX & FLIX

Also ich bin ja für Flitz und Blitz. Oder, nach wie vor, Alpia. Heißen eben beide so.

„Es gibt viele Dinge anzusprechen“

Phrasendrescherei bei Fußballtrainern ist okay. Wenn es allerdings immer dieselben Phrasen sind, ist Vorsicht geboten.

Bürgerjournalismus bei der DPA

Heute Abend spielt der Hamburger Sportverein in der Champions League gegen ZSKA Moskau. Vor dem Spiel sind offenbar Fans des HSV in der Moskowiter U-Bahn von Heim-Hools angegriffen worden. Das steht jedenfalls in dieser DPA-Meldung. Die basiert auf Karsten Stümpel, der jedoch mitnichten ein Reporter der DPA ist, sondern mitgereister HSV-Fan mit Handy.

Warum gibt es dann eigentlich kein Foto?